Sport schützt das Herz? Nicht in kontrollierten Studien

Ärzte Zeitung.de, 27.07.2021

Körperliche Aktivität gilt als Wundermittel gegen viele Zivilisationskrankheiten: Herz und Hirn bleiben gesund, das Leben wird verlängert. In kontrollierten Studien mit älteren chronisch Kranken ist davon aber praktisch nichts zu sehen.

Es ist fast schon ein medizinisches Dogma: Viel körperliches Training ist gesund, beugt Herzkreislauferkrankungen und Diabetes vor und verlängert das Leben. Die WHO schätzt, dass sich jährlich weltweit fünf Millionen Todesfälle vermeiden ließen, würden sich sämtliche Sportmuffel dieser Welt öfter bewegen.

Solche Schätzungen beruhen praktisch ausschließlich auf Beobachtungsstudien, hier gibt es recht konsistent einen Zusammenhang zwischen hoher körperlicher Aktivität, reduzierter Mortalität und einem geringeren Risiko für nichtübertragbare Erkrankungen.

Allerdings lässt sich körperliche Aktivität kaum isoliert betrachten: Wer seinen Körper fit hält, tut ihm auch sonst viel Gutes, etwa über eine gesunde Ernährung. Es ist streng genommen also nicht ganz klar, welchen Bedeutung die körperliche Aktivität für die Lebensdauer und die Gesundheit im Alter hat. Hier sollte sich der Blick auf randomisiert-kontrollierte Studien (RCT) lohnen, dem Goldstandard der medizinischen Evidenz.

Viele Fallstricke

Tatsächlich gibt es viele Studien zu körperlichem Training bei älteren Menschen mit chronischen Krankheiten, sie zeigen in der Summe aber eines nicht: einen Einfluss auf harte klinische Endpunkte. Das berichten jedenfalls die Geriater Professor Marcel Ballin und Professor Peter Nordström von der Universität Umeå in Schweden in einem „kritischen Review“ (J Intern Med 2021; online 9. Juli).

Auf Basis der vorhandenen RCT kommen die beiden Forscher zu dem Schluss, dass Interventionen mit körperlichem Training weder das Leben von älteren Erwachsenen oder solchen mit chronischen Erkrankungen verlängern (Studien mit insgesamt über 50.000 Teilnehmern) noch die kardiovaskuläre Mortalität senken (11.000 Teilnehmer) oder Frakturen verhindern (40.000 Teilnehmer). Immerhin deuten RCT auf eine reduzierte Diabetesinzidenz durch körperliches Training, wenn dieses zusammen mit einer Ernährungsumstellung in Risikogruppen kombiniert wird (17.000 Teilnehmer).

Also fast alles Unsinn mit den präventiven und lebensverlängernden Effekten von körperlicher Aktivität? Nicht unbedingt. Vielleicht sind RCT einfach nicht geeignet, um solche Einflüsse nachzuweisen: Sie dauern oft nur wenige Monate, die Interventionen sind häufig nicht intensiv genug und kommen bei chronisch kranken Alten vermutlich viel zu spät.

Mangelnde Adhärenz

Die Fallstricke solcher Studien erläutern die beiden Autoren an einigen Beispielen. So wurden körperlich inaktive und funktionell eingeschränkte Personen in der US-Multicenter-Studie LIFE auf ein Trainingsprogramm oder ein Informationsprogramm über gesundes Leben randomisiert, die Studie dauerte im Median zweieinhalb Jahre, die Teilnehmer in der Trainingsgruppe erhielten zweimal die Woche ein Training unter Anleitung und sollten weitere drei- bis viermal zuhause üben. Letztlich gab es keine signifikanten Unterschiede beim primären Endpunkt Tod und kardiovaskuläre Ereignisse.

Die Studienautoren führen dies zum einen auf die geringe Ereignisrate zurück, zudem war die Adhärenz mit 63 Prozent nur mäßig – viele sprangen also wieder ab oder trainierten zu Hause kaum, auch war die Dauer zu kurz und die Teilnehmerzahl zu gering, um eine belastbare Zahl von Ereignissen zusammenzubekommen.

Die Generation-100-Studie aus Norwegen deutet auf ähnliche Probleme: Hier wurden ältere Teilnehmer in der Interventionsgruppe einem moderaten oder intensiven Training unterzogen, die Kontrollgruppe erhielt lediglich Empfehlungen zu mehr Bewegung. Mit intensivem Training war die Mortalität nach fünf Jahren etwa halb so hoch wie mit moderatem Training oder guten Ratschlägen, jedoch waren die Resultate mangels Ereignissen wiederum nicht signifikant.

Als weiteres Problem erwiesen sich die geringen Unterschiede bei der tatsächlich erfassten körperlichen Aktivität zwischen den jeweiligen Gruppen: Offenbar schienen die Ratschläge in der Kontrollgruppe zu fruchten, hier bewegten sich die Teilnehmer weit mehr als erwartet, auch könnte ein „healthy volunteer bias“ bedeutsam gewesen sein: Es meldeten sich eher fittere Leute für die Studie.

Rückfall in alte Verhaltensmuster

Dies erinnert an RCT mit verschiedenen Diäten – beim Gewichtsverlust gab es schon deswegen keine Unterschiede, weil sich die Teilnehmer in den einzelnen Studienarmen bei der Ernährung mit der Zeit immer mehr annäherten, oder an RCT zur moderaten und intensiven Blutdrucksenkung, die nur minimale Blutdruckunterschiede in den jeweiligen Gruppen bewirkten und damit ähnliche Resultate lieferten.

Das führt zu einem grundsätzlichen Problem von RCT mit Lebensstilinterventionen: Sie prüfen letztlich nicht, ob mehr Bewegung oder eine bestimmte Diät etwas nützen, sondern ob bestimmte Interventionen in der Lage sind, an der Bewegung und der Ernährung viel zu ändern. Das klappt häufig nicht, und somit bleiben die eigentlichen Fragen unbeantwortet.

Streng genommen lässt sich also nicht sagen, dass körperliche Aktivität in RCT nicht viel brachte, sondern nur, dass die jeweiligen Interventionen zur Steigerung der körperlichen Aktivität nicht viel taugten – das ist ein großer Unterschied.

Die Forscher um Ballin und Nordström fordern als Ausweg größere kontrollierte Studien. Damit lassen sich einige der Probleme wie geringe Ereignisraten lösen, andere aber nicht: Letztlich kann man niemanden in einer Studie dazu zwingen, sich mehr zu bewegen. Die Gefahr, dass die Teilnehmer nach einiger Zeit in alte Verhaltensmuster zurückfallen oder komplett aussteigen ist nun einmal sehr groß, und damit werden die Unterschiede zwischen den Gruppen verwässert.

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